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Ich glaube es geht uns zu gut

Ich glaube es geht uns zu gut

Ich habe jetzt eine neue Fernbedienung. Eine Harmony von Logitech. Teuer war die. Ich kann damit meinen Fernseher steuern, meine Anlage, meine Playstation und ich kann damit sogar Lichter ein- und ausschalten. Wenn ich auf der Couch liege am Abend, dann brauche ich nur noch ein Gerät, oder ein bisschen cooler gesagt, ein Device, um alles zu machen, was ich für mein abendliches Entertainment brauche. Das Beste ist: Wenn sie zu weit weg liegt, sodass ich meinen doch recht unkompakten Körper zu sehr herumwuchten müsste, dann kann ich stattdessen auch mein iPhone benutzen. Es gibt für alles eine App.

Gemütlichkeit ist wichtig, das sang schon dieser Bär aus dem Dschungelbuch, der mir seit jeher als Identifikationsfigur dient. Mach dich locker, Alter, chill mal. Einfach mal alles vergessen, die Welt die Welt sein lassen. Ich hab‘ es mir verdient. Ich arbeite hart. Bin ich deswegen ein Arschloch, weil ich mir ein bisschen Komfort gönne?

Wir leben in Karlsruhe in einer Stadt, in der alles immer schön sauber ist. Wer mal durch Berlin gelaufen ist, der wird das laut bejahen. Spätestens dann, wenn er den Hundehaufen aus dem Schuhprofil kratzt. Karlsruhe, die Beamtenstadt, mit dem schicken Schloss, mit einem der größten Open Airs in ganz Deutschland, mit einem schnieken Kreativen-Viertel im alten Schlachthof, bald haben wir sogar sowas wie ’ne U-Bahn. Das Street-Food-Festival neulich war auch ganz nice.

Nur eine Frage bleibt: Wie viel Pulled Pork soll ich noch fressen, bevor ich kotzen muss?

Es ist ja schon lustig, dass der Werderplatz – um jetzt mal einen Ort herauszugreifen – uns als Szene-Ecke dient. Dort wo die Junkies am Brunnen hängen. Wir sitzen daneben, essen Schnitzel bei Wolfsbräu, trinken noch ’nen Gin-Tonic im Iuno. Vor unseren Augen findet dabei etwas statt, was in einem Begriff zu fassen ist: Ghettoisierung. Ghetto, hier? Wir leben doch nicht in Pforzheim! Ja, tatsächlich, auch in Karlsruhe gibt es Parallelgesellschaften, es gibt Insider und Outsider. Wir hören im Gangsta-Rap so vieles, was wir für völlig unwirklich halten. Wenn Haftbefehl rappt, dann lachen wir mehr, als dass wir uns Sorgen machen. Ich allerdings würde nur ungern in Offenbach wohnen.

Ich will hier jetzt gar nicht mit Kapitalismus anfangen, mit arm und reich. Ich will aber durchaus sagen, dass der Satz „Jeder ist seines Glückes Schmied“, schlichtweg gelogen ist. Niemand reitet sich mit Absicht in die Scheiße. Keiner am Werderplatz sitzt dort, weil es so sehr gemütlich ist, sondern, weil er sich in der Innenstadt schämen würde.

Als Bewohner der Fächerstadt bekommt man nur allzu selten vor Augen geführt, wo die Gesellschaft ihre Randbezirke hat, der Werderplatz ist da die absolute Ausnahme. Rein statistisch gesehen liegt der „von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffene Bevölkerungsanteil“ deutschlandweit bei über 20%. Die 10, 15 Leute am Indianerbrunnen sind nur die Spitze des Eisbergs. Klar wird mit dem vielen Geld, dass die Bürger dieser Stadt nun mal haben auch viel Gutes getan, aber es wird auch Unangenehmes unsichtbar gemacht.

Klar sitzt da keiner beim Stadtmarketing, der sich überlegt, wie man hässliche, kranke, süchtige Menschen möglichst gut versteckt. Aber unser ganzes Leben, das Leben des Normalbürgers – und das sind wir hier soweit ich das jetzt beurteilen kann alle – ist darauf ausgerichtet es sich gemütlich zu machen. Daran sind wir nicht mal schuld, so hat sich die Gesellschaft entwickelt und wir haben über Jahre einfach auch gelernt, wie man wegschaut. Das ist keine Moralpredigt, ich spreche ja von „wir“, ich begreife mich da zu 100% ein. Aber ich finde, wenn wir schon von wir sprechen, dann kann ich auch folgendes sagen: Lasst uns was tun!

Wir haben den SOUP DU JOUR e.V. gegründet, nicht, um Essen zu verteilen. Mit der Tafel und weiteren Angeboten, ist der prekäre Gesellschaftsanteil einigermaßen gut versorgt. Wir haben den Verein gegründet, um Parallelgesellschaften wieder zu vereinen. Dafür, dass Menschen unterschiedlichster Couleur an einem Tisch sitzen und gemeinsam essen. Wir wollen zumindest temporär einen Ort schaffen, wo Unterschiede aufgehoben sind, wo keiner reich oder arm ist, gesund oder krank, süchtig oder nicht süchtig. Man soll einfach gemeinsam essen.

Werden da nicht auch stinkende Menschen kommen, frage ich mich. Und ich antworte hoffentlich! Denn ein ehrlicher Stinker ist mir tausendmal lieber als ein gestylter Lügner. Ich, wir von SOUP DU JOUR würden uns freuen, wenn ihr euch anschließt, wenn ihr auch mithelft, wenn ihr Teil dessen werdet. Nichts ist doch schöner, als gemeinsam Gutes zu tun!